Heiratsanträge - Roland Reischl Verlag

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Heiratsanträge

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Heiratsanträge hören (als MP3-Datei)
Fragt mich einer nach meinem Lieblingshobby, sag ich: Heiratsanträge. Nele und ich spielen das schon seit Jahren: Wir gehen zum Beispiel in eine Karaoke-Bar, ich singe irgendeine Schnulze – und dann falle ich theatralisch auf die Knie, wirbele ein paar Rosenblüten in die Luft und frage mit todernster Miene: „Nele, willst du mich heiraten?“ Alle Köpfe drehen sich zu ihr um, keiner wagt zu atmen. Nele lässt sich Zeit. Sehr viel Zeit. Und dann schüttelt sie den Kopf.

Viele flitzen dann zu mir und wollen mich trösten. Andere flüchten. Aber vorher gibt es immer diese köstlichen Sekunden absoluter Schockstarre, in denen alle ihre Füße angucken, „ups“ murmeln oder mich mit Blicken adoptieren. Köstlich.

Unser Meisterstück: mein Heiratsantrag im „London Eye“, dem Riesenrad an der Themse, wo man mit 25 Leuten in einer Kabine seine Runde dreht – und am höchsten Punkt räusperte ich mich, hielt mit zitternder Grabesstimme meine kleine pathetische Rede – und Nele sagte, wie gewohnt, „Nein“. 23 Leute wurden knallrot im Gesicht. Und volle 20 Minuten dauerte es, ehe das Riesenrad wieder am Boden war! 20 Minuten absoluter Stille, in denen keiner weiß, wo er hingucken soll. Nicht immer ganz einfach für Nele und mich, dabei ernst zu bleiben, aber mittlerweile sind wir gut im Training. Wer lacht oder griemelt, hat verloren und muss die Reisekosten zahlen.
 
Denkwürdig auch unsere Spontanaktion im Herbst 2016, als ein Orkan die Bahnstrecke zwischen Hamburg und Berlin verwüstete und wir im liegen gebliebenen ICE festsaßen. Die Stimmung war sowieso hysterisch – und dann steckte ich dem Schaffner ein Trinkgeld zu und er ließ mich über Lautsprecher meinen Antrag machen. Nele meinte nachher, sie hätte Angst gehabt, die Leute lynchen sie! Der Schaffner brachte mir aus Mitleid ein Gratisgetränk aus dem Bordbistro. Nur stilles Wasser, aber die Geste zählt.
 
Manche finden unseren „Running Gag“ ein wenig geschmacklos. Zumal Heiraten ziemlich „out“ ist. Unsere Großeltern haben das gemacht, aber wir? Kinder kriegen ist eh unverantwortlich, wegen des Klimas. Und Altersvorsorge und Steuervorteile – das kann man auch anders regeln, dafür muss man ja nicht gleich heiraten. Nele erklärt gern, unsere Mutprobe sei eine Art Kunstaktion, mit der wir auf die immanente Fragilität zwischenmenschlicher Beziehungen aufmerksam machen. Dann setze ich eine herbstliche Miene auf und nicke wissend. Aber eigentlich ist es nur eine Mutprobe.
 
Seine Wurzeln hat unser Hobby bei der Landesmeisterschaft unseres Tischtennisvereins. Martin hatte gewettet, dass Nele und er den Pokal abstauben, aber ich meinte: Nie und nimmer! Und weil ich meiner Sache so sicher war, bot ich an: Wenn ihr doch gewinnt, beende ich meine kleine Ansprache – zu der ich als Kassenwart im Rahmen der Siegerehrung eingeteilt war – mit einem Heiratsantrag. Natürlich war außer Martin niemand eingeweiht, auch Nele nicht. Lange hat sie mir nicht geglaubt, dass es wirklich eine Wette war!
 
Einmal hat auch Nele mir einen Antrag gemacht. Aber da war ein Kegelclub im Raum und die Jungs hatten dermaßen Mitleid mit ihr, dass sie mir, als ich „Nein“ sagte, kurzerhand die Nase brachen. Seitdem muss Nele sich nach jedem ihrer „Neins“ anhören: „Was zählt, sind doch die inneren Werte.“
 
Neulich hat sie mich reingelegt: Sie hat den Spieß einfach umgedreht und „Ja“ gesagt. Was haben wir gelacht!


Text: © René Klammer, Januar 2020.
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