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Klaus Hansen

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Die größte Gefahr für den Fußball
besteht in seiner Perfektionierung

Ein Wort zu Beginn der Bundesligasaison 2017/18

Von Klaus Hansen

Fußball ist ein Spiel mit Fehlern. Für die Zuschauer bezieht das Fußballspiel nahezu seine gesamte Spannung aus seiner Fehlerhaftigkeit. Nicht allein, dass die Leute zum Fußball gehen, „weil sie nicht wissen können, wie das Spiel ausgeht“ (Sepp Herberger) und darum Spannung aus Ungewissheit angesagt ist; zu keiner Sekunde des Spiels weiß der Zuschauer hundertprozentig, wohin der vom Spieler berührte Ball geht. Denn Füße, anders als Hände, können elastische Kugeln, also Bälle, nicht perfekt kontrollieren. Fußball lebt, viel mehr als alle Sportarten, die den Ball mit der Hand führen, von seiner enormen Fehlerhaftigkeit und der Seltenheit des Gelingens. Die meisten Torschüsse gehen neben oder über das Tor; unbedrängte Zuspiele über fünf Meter kommen nicht an; man verstolpert und verzieht die Bälle oder tritt an ihnen vorbei. Allein mit sich und der Kugel, trifft man aus elf Metern einen zweieinhalb mal siebeneinhalb Meter großen Kasten nicht. Selbst den besten Fußballern passiert das. Sie sind so unvollkommen wie wir Zuschauer vor dem Fernsehgerät. Das verbindet uns.

Inkompetenz und Zufall, Glück und Pech haben im Fußball mindestens einen ebenso großen Anteil am Zustandekommen des Ergebnisses wie das körpertechnische Können der Akteure. Versucht man, den Fußball, fehlerfrei zu machen, und möglichst alle Imponderabilien auszuschalten, macht man ihn kaputt.

Wenn der Fußball als Massenfaszinosum „stirbt“, dann an einem Mangel an Mängeln.

Die Organisationen des professionalisierten und kommerzialisierten Fußballs sind dabei, diesen Mangel an Mängeln systematisch herbeizuführen und als „Fortschritt“ zu verkaufen.

Da den Füßen die Fehlerhaftigkeit im umkämpften Umgang mit elastischen Kugeln nur schwer auszutreiben ist, versucht man die Perfektionierung des Fußballs als erstes bei den Regelhütern, um künftig so genannte „Fehlentscheidungen“ der Schiedsrichter zu vermeiden. Also führt man eine elektronische Torlinientechnik ein, um Tor oder Nicht-Tor sicher zu erkennen; also führt man – in der Saison 2017/18 erstmals - den Videobeweis ein, um Foul oder Nicht-Foul unzweifelhaft feststellen zu können. Bei der Torlinientechnik mag die Unzweifelhaftigkeit einlösbar sein: ob ein Ball mit vollem Durchmesser die Linie überschritten hat, das lässt sich messen. Nicht messen lässt sich, ob ein unzweifelhaftes Handspiel im Strafraum ein vermeidliches oder gar absichtliches war oder nicht. Nur letzteres führt zum Elfmeter. Nicht messen lässt sich, ob ein Ellenbogenstoß willentlich oder eine natürliche Bewegung im Kopfballduell war. Nur ein gezielter Stoß gilt als „Tätlichkeit“ und führt zur gelben oder roten Karte. Hier kann die Technik dem Menschen nichts abnehmen; hier muss nach wie vor der Mensch entscheiden. Allerdings vermag die Technik den Menschen zu manipulieren; was im normalen Bewegungsablauf als fairer Einsatz des Ellenbogens erscheint, entpuppt die Super-Zeitlupe als unfairen Angriff auf die Gesundheit des Gegenspielers.

Der Bürokratieaufwand im Fußball wächst, ohne dass ein entsprechender Nutzen erkennbar ist. Neben dem einen Schiedsrichter, der das Spiel leitet, und den beiden Linienrichtern, die ihm assistieren, hat man den „vierten Offiziellen“ etabliert, der jenseits der Außenlinie zwischen den Fronten der beiden Spielparteien moderiert. Bei besonderen Spielen gibt es noch zwei „Torrichter“, die allein das Verhalten im Strafraum beobachten.

Jetzt kommen noch zwei bis drei Videoschiedsrichter dazu, die hinter den Kulissen ihre Arbeit verrichten: 9 Unparteiische für ein Spiel mit 22 Akteuren! (Dabei hatte das Fußballspiel, als es in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England anfing, überhaupt keinen Schiedsrichter. Die Mannschaftsführer beider Teams, „Fußballkaiser“ genannt, regelten alle Konflikte unter sich.)

Bald wird es so weit sein, dass die Regelhüter eine eigene Elf bilden. So dass der Fußball zu einem Spiel degeneriert, das nicht von zwei, sondern von drei Mannschaften bestritten wird.

Fußball ist jenseits der Spiele und unterhalb der Woche ein beliebtes Gesprächsthema für Hunderttausende. Zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen machen einen großen Teil des Gesprächsstoffs aus. Man denke nur an das sogenannte „dritte Tor“ (auch: „Wembleytor“) im WM-Endspiel 1966 zwischen England und Deutschland. Erst letztes Jahr, 2016, widmete das Deutsche Fußballmuseum dem „dritten Tor“ eine große Ausstellung. Über das „Wembleytor“ diskutiert man heute, 51 Jahre später, immer noch! - Mit Torlinientechnik hätte man keine Sekunde darüber diskutiert.

Wenn über den Schiedsrichter die Meinungen nicht mehr auseinandergehen, weil nicht er, sondern die Kontrolltechnik entscheidet; wenn man dem Schiedsrichter die Macht zur „Tatsachenentscheidung“ nimmt, dann verliert das Fußballspiel an Attraktivität für die Zuschauer.

Die als „Verbesserungen“ gepriesenen Maßnahmen drohen die Faszination des Spiels zu zerstören.

Perfektion ist Destruktion.

 

Text: © Klaus Hansen 2017.

Foto: privat.
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