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Kolumne von René Klammer, Oktober 2016

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Langeweile

Nele fläzt sich aufs Sofa und legt die Beine hoch: „Und? Was machen wir heute?“

„Weißt du, worauf ich Lust hätte?“, frage ich zurück.
Gähnend schüttelt sie den Kopf.
„Mich mal wieder richtig fürchterlich zu langweilen!“

Nele lüpft verständnislos die Augenbrauen. Ich erkläre: „Ehrlich, ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal Langeweile hatte. Als Schüler in den Sommerferien, glaube ich … Aber das ist 20 Jahre her! Ich hab das Gefühl, seit ich arbeite, bin ich im Dauerstress. Jede Stunde ist durchgeplant, Langeweile gibt’s nicht mehr. Ätzend, oder?“

Nele kratzt sich am Kopf: „Neulich hab ich den Zug verpasst und musste eine Stunde auf den nächsten warten. Zählt das?“ – „Was hast du denn solange gemacht?“ – „Telefoniert.“ – „Dann zählt’s nicht.“ Sie grübelt noch einen Moment. Schließlich reckt sie die Schultern, nickt entschlossen: „Also gut. Langweilen wir uns!“ Das Problem ist: Sofort kommen Ideen, wie man die freien Stunden nutzen könnte. Man muss sich das erstmal abtrainieren, diesen Drang, Zeit nutzen zu müssen, sie nicht einfach zu verplempern. Schließlich ist Nichtstun nicht Nichtstun, wenn man was tut – und ohne Nichtstun gibt’s keine Langeweile. „Na, da bin ich aber grundlegend anderer Meinung!“, protestiert Nele. „Ich hab doch mal im Supermarkt an der Kasse gejobbt. Da war ich den ganzen Tag gut beschäftigt, das war echt Stress. Und trotzdem hab ich mich noch nie in meinem Leben so gelangweilt. Einfach, weil’s von morgens bis abends derselbe Mist war!“ Ich könnte dagegenhalten. Aber das wäre kontraproduktiv: Muntere Debatten sind tödlich, wenn man sich gepflegt langweilen will. „Wir könnten einen Film gucken“, schlägt sie vor. „Eine Freundin hat mir neulich eine DVD in die Hand gedrückt, das war ein Projekt von ihrer Kunsthochschule: Fünf Mann sitzen fünf Stunden lang in einem leeren Raum auf dem Fußboden.“ Ich warte drauf, dass sie weitererzählt: „Und?“ Sie zuckt mit den Schultern: „Das war’s.“ Ich denke drüber nach, bleibe aber skeptisch: „Ich würde mich lieber selbst langweilen. Ohne fremde Hilfe. Sonst ist das wie Doping.“ Sie nickt, schweigt, guckt in die Gegend. Ihr Magen knurrt. „Ist Essen erlaubt?“, fragt sie. „Nur zum Sattwerden“, erwidere ich, „nicht zum Vergnügen. Scheibe Brot ist okay, denke ich.“ Sie schlurft in die Küche. „Haben wir noch von dem alten, trockenen?“, ruft sie. „Nee, hab ich in die Ententüte gepackt“, rufe ich zurück. Sie lugt zur Tür rein: „Hast du Lust, zum Teich zu gehen? Enten füttern?“ Ich schüttele den Kopf: „Ist nicht langweilig genug.“

Sie verschwindet wieder. Ich warte. Versuche, nichts zu tun, an nichts zu denken. An GAR nichts! Verflixt schwierig.

Was macht Nele bloß so lange in der Küche? Mann, das dauert! Irgendwann kommt sie, Zwieback kauend, zurück. „Kennst du dieses Zitat?“, fragt sie. „Für die Jungen ist Langeweile ein Luxus, für Alte eine Demütigung. Von wem ist das nochmal?“ Weiß ich nicht. Klingt nach Oscar Wilde. Ich könnte es nachschlagen Aber ...

Nele setzt sich wieder. Rund eine halbe Stunde schweigen wir uns an. Dann nickt sie ein. Ich lasse sie schlafen. Experiment gescheitert.

Text: © René Klammer 2016.

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