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Kolumne von René Klammer, September 2014

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Heiraten

Der junge Vikar steht kettenrauchend im Kapellenhof neben dem Ghettoblaster: „All you need is love!“ Er beobachtet, wie die Mutter der Braut mit einem Klemmbrett herumflitzt, verbissen an Tischdecken zuppelt, Kellner herumkommandiert, schließlich beiläufig in ein Taschentuch spuckt und dem Bräutigam die Brille putzt. „Ihre erste Hochzeit?“, frage ich den jungen Vikar. Er nickt: „Sieht man das?“ Dabei sortiert er ein weiteres Mal mit zitternden Fingern seine Moderationskärtchen, obwohl seine Fingerspitzen von der Tinte schon ganz blau sind.

Punkt zwölf läuten die Glocken. Der junge Vikar atmet durch und nimmt die Steinstufen zur Kapelle in Angriff. Von hinten tippt ihm die Brautmutter mit ihrem Klemmbrett auf die Schulter. „Die muss weg!“, sagt sie streng und deutet auf die glimmende Zigarette zwischen seinen Lippen. Die Braut flüstert ihm tröstend zu: „Sie brauchen doch nicht so nervös zu sein.“ Sie hat gut reden, sie hat schonmal geheiratet.

Direkt zu Beginn der Zeremonie verkündet der junge Vikar: „Die Ehe ist ein gewaltiges Felsmassiv, aus dem man die Liebe unnachgiebig und mit aller Kraft herausmeißeln muss!“ Seine brachiale Metaphorik gefällt mir, bloß donnert seine Stimme durch die Kapelle wie ein Gewitter, mehrfach zuckt die Braut vor Schreck zusammen. Als er seine Predigt geschafft hat, sagt er, sichtbar erleichtert, aber leider noch vor dem Jawort: „Sie dürfen sich jetzt küssen!“

Nachher stehen wir im Kapellenhof zusammen. In der Sonne ist die Kondensmilch sauer geworden, aber der Streuselkuchen schmeckt passabel. Ich denke an all die Hochzeiten, die ich schon besucht habe und überlege, welche dieser Paare noch verheiratet sind. Es sind erstaunlich viele, aber natürlich fallen mir auch etliche ein, bei denen die Liebe viel zu schnell in Gleichgültigkeit oder sogar in Hass umschlug. „Hochzeiten können durchaus auch tragische Züge haben“, sage ich zum Vikar, der inzwischen wieder etwas Farbe bekommen hat. Er nickt: „Andererseits“, erwidert er, „können Beerdigungen manchmal ganz lustig sein!“

 

Text: © René Klammer 2014.

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