item2a

BruneFotoDomRGBkorr1a1

Bert BruneBlog

Die Rhein-Spatzen

Oma-Opa-
68er-Ausstellung

Eine Sommertour

 

Ältere Blogs

Zum Blog-Archiv
 

Bert Brune

Bücher & mehr

BertBruneBlog vom 20. Oktober 2018
 

Oma-Opa-68er-Ausstellung

Auch ich hatte eine Einladung bekommen. Nämlich zur Eröffnung der Sonderausstellung im Stadtmuseum anlässlich der 68er-Studentenunruhen in Köln. Ich traf etwas später ein, und der Mann am Hauseingang, mit einem großen Namensschild auf der weißen Jacke, meinte: „Ich kann Sie jetzt nicht mehr reinlassen, das würde stören.“ Ich wartete, und als zwei Leute den Saal verließen und rauskamen, trat ich schnell an ihnen vorbei in den Vorraum. Der Pförtner, nun in seiner Kombüse, blickte stirnrunzelnd und missbilligend hinter mir her. Ich betrat den Saal. Fast fünfhundert Leute vor mir, und hinten an der Wand auch noch eine Menge. Auf der grell beleuchteten Bühne sprach gerade die Bürgermeisterin, dankte den Kuratoren des Stadt-Museums für die Organisation der Ausstellung.
Es lief alles offiziell und protokollmäßig ab, so sah es aus, und ich staunte, dass all diese meist grauhaarigen Köpfe da vorn so geduldig dasaßen und zuhörten.

Damals war das, ging mir durch den Kopf, anders gewesen. Man war nicht geduldig, wenn ein Offizieller angeblich bedeutende wichtige Worte äußerte. Man ergriff selbst die Initiative, schnappte sich zum Beispiel das Mikrofon oder brachte auch sonst lauthals seine Meinung vor.

Auch hätte kein Pförtner uns stoppen und abweisen können. Uns nicht und die Jugendlichen, die hinter uns standen und Papiere von den Behörden brauchten, um nicht von der Polizei zurück in die Erziehungsheime, wie diese Anstalten hießen, gebracht zu werden. Die jungen Leute waren dort ausgebrochen, um nicht länger mehr von den Betreuern und Aufpassern schikaniert, geschlagen, erniedrigt zu werden. Und wir, die Studenten, die von den Grundsätzen der neuen liberalen Pädagogik gehört hatten, versuchten das Gelernte in die Praxis umzusetzen.
Das kam in mir hoch, während Ich auf diese fünfhundert grauhaarigen Leute im Saal blickte, und auf die Bürgermeisterin mit ihren langen weißblonden Haaren, die seinerzeit vielleicht auch als Studentin sich den autoritären und lebensfeindlichen Strukturen in Staat und Gesellschaft widersetzte, sich dann politisch engagiert hatte und im Laufe der Jahre zu bürgerlichen Ehren gekommen war.

Schließlich verließ ich den Saal, grüßte zum Pförtner rüber, der aus seiner Kombüse mit großen Augen hinter mir hersah, und ging die Straße runter Richtung Dom. Denn hier, gegenüber dem WDR, war eine Kneipe, in der ich früher häufig mein Bier trank. Es hatte sich kaum etwas verändert, stellte ich fest, als ich am Tresen lehnte und mich umsah. Nur stand am Zapfhahn kein knurriger Köbes, sondern eine grazile, weiß behemdete Asiatin, die mich freundlich anlächelte und mir mein Kölschglas hinstellte. Wir kamen ins Gespräch. Sie war seit zwei Jahren in Köln, stammte aus China, jobbte in der Kneipe zweimal in der Woche, hatte auch schon mal im Supermarkt und bei anderen Gelegenheiten ihr Geld verdient, aber fand diese Arbeit hier am besten, weil man dann schnell mit Leute ins Gespräch kommt und die Zeit schneller verstreicht.

So redeten wir beide ein bisschen. Problemlos, denn die Frau war, auch gegenüber einem Fremden wie mir, offen und einfühlsam.

„Der Direktor kommt gleich und öffnet!“

Als ich ging, war ich froh, diese Auszeit genommen zu haben. Der Abend war aber noch nicht zu Ende. Ich machte mich auf zum Eingang des Museums, denn nach den Reden der verschiedenen Honoratioren der Stadt sollte dann die Ausstellung eröffnet werden. Langsam trudelten die ersten Leute ein. Man sammelte sich, es entstand ein Gedränge.„Der Direktor kommt gleich und öffnet!“, rief jemand. Es dauerte, und ich erkannte Rainer, einen meiner alten Kampfgefährten, trat zu ihm: „Seinerzeit hätten wir hier nicht lange vor der Tür gewartet, wir hätten uns einfach reingedrängt, die Ellenbogen gebraucht.“ Rainer grinste. „Könnte ich jetzt auch wieder machen. Aber ich bin heute ausnahmsweise friedlich gestimmt. Wir haben´s auch nicht eilig, oder? Und noch nie was von Gelassenheit im Alter gehört?!“

Wir gingen dann in den gegenüberliegenden Raum. Und hier stand ein Fass Bier, und hier waren Gläser und hier war auch Musik. Man wollte wohl nach diesem Vortrag im Saal und nach der Besichtigung im Museum den Gästen was Gutes tun und für Stimmung sorgen. Es kamen immer mehr Leute, offenbar war der Direktor noch nicht eingetroffen. Und während Del Shannon „Run Away“ anstimmte, schlenderte ich umher, begrüßte kurz den einen oder anderen lange nicht mehr Gesehenen. Und ging dann die Stufen hoch und zur Straßenbahnhaltestelle.

All diese Leute, so überlegte ich, während ich nach Hause fuhr, die dort friedlich in Gruppen zusammenstanden, manche schon auf einem Stock sich abstützend, waren damals an der Front gewesen, hatten die Gesellschaft verändert, zum Positiven hin verändert. Hatten aber auch gelernt, man muss nicht immer auf den Barrikaden sein, man muss auch das Feld, nach getaner Arbeit, den Jüngeren überlassen.

Und wenn sie, diese früher so Engagierten, heute durch die Stadt gehen, sehen sie aus wie jede andere Oma, jeder andere Opa auch. Aber wenn man sie anspricht und die richtigen Fragen stellt, kann man sicherlich eine gute, nützliche, wichtige, zumindest originelle, vielleicht sogar weise Antwort bekommen.

Wenn wir, die Jungen damals, in der Stadt Omas und Opas angesprochen hätten und Fragen gestellt, hätten wir solche Antworten nicht bekommen.

 

© Bert Brune 2018.

item6a1a
Impressum / Kontakt item2a1a item2a1 item2d item2a