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Eine Sommertour

Graue Landschaft

 

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Bert Brune

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BertBruneBlog November 2017
 

Graue Landschaft

Schlechtes Wetter, trotzdem wollten wir raus. Stiegen in die 16 und los Richtung Hersel. Durch die Ölraffinerie-Anlagen von Godorf und Wesseling hindurch. Links und rechts nur rauchende Schornsteine. Und neben mir ein Mann, der mit seinem Laptop beschäftigt war. Ein Asiate, ziemlich elegant angezogen. Wollte wohl zur Weltklima-Konferenz in Bonn. Sah immer die ganze Zeit auf seinen Bildschirm, bemerkte also nicht die rauchenden Schlote, und auch nicht die vielen schwarzen Vögel, die über den Feldern am Vorgebirge schwebten. Diese Felder waren grün, aber sicherlich nicht sehr sauber. Denn auch bis hierher drangen die Öl-Dünste. Der Klima-Mann sah das nicht, arbeitete vielleicht gerade an seiner heutigen Rede im Plenum, aber das hätte vielleicht noch mal seine Argumente, um die Klima-Ziele zu erreichen, also auch die Luft sauberer zu machen, verstärkt. Wir stiegen in Hersel aus, und dann durch den Ort Richtung Rhein. An dem Haus des Messis vorbei, dessen Müllstapel vor der Tür, so schien es, seit dem letzten Mal gewachsen war.

Und dann endlich Natur vor uns, die ersten frei stehenden Bäume auf der Höhe, von der man einen Blick ins Tal werfen konnte. Wir waren die einzigen Wanderer, denn der Himmel war grau, die Landschaft auch, und es nieselte hin und wieder. Aber das Wetter machte uns nichts aus. Vor allem auch deshalb, weil wir am Tag vorher was von Anselm Grün gelesen hatten. Anselm Grün, ein eifrig schreibender und weithin bekannter Benediktinermönch, hatte zum Monat November erklärt, gerade bei Spaziergängen im Nebel käme man Gott und seiner Natur näher. Nicht verkehrt, so sagten wir. Man muss ja immer mal wieder testen, was unsere Geistes- und Kultur-Größen so alles von sich geben. Leider war kein Nebel zu sehen, eben nur der Nieselregen. Aber immerhin, graue Natur, und man konnte sich Gott nähern.

Wir schlenderten den Weg von der Höhe herunter. Hin und wieder im Boden eingelegt ein breiter Betonstreifen, auf dem die Entfernung zum Rhein angekündigt war. „Rhein – 3 Kilometer“ stand da, in schwerem Metall eingraviert, dann „Rhein – 2 Kilometer“, und auf dem Uferweg „Rhein – 0 Kilometer“. Man hatte wohl Geldtöpfe angezapft, um die Landschaft zu verschönern, hatte Wege restauriert, den Spielplatz oben auf der Wiese zum Beispiel mit besonders edlen und modernen Geräten ausgestattet, und am Ende waren noch einige tausend Euro übrig, und die musste man in solch sinnlosen Richtungsangaben unterbringen.

Wir gingen an den großen Bäumen am Fluss vorbei. Ein erhebendes Gefühl, an solch großen alten majestätischen Bäumen mit ihrer rissigen Haut vorbeizugehen. Sich von den weit ausladenden Kronen beschützen zu lassen. Oder auch bedroht zu werden, ein Wind kam nämlich plötzlich auf, die Äste bogen sich, kleine Zweige fielen auf den Boden. Wir eilten zum Schiff hin, das gerade vom andern Ufer herüberkam.

Rechts und links bei der Anlegestelle viel Bewegung: eine Menge Schwäne und Möwen und Tauben und Krähen. Und zwei, drei Menschen, die sie fütterten. Wir auf die Fähre, dem Mann mit der Geldtasche 2 Euro 40 in die Hand gedrückt, während oben der bärtige Kapitän bereits den Rückwärtsgang einlegte, aber gerade noch ein Auto mitnahm, das schnell über die Rampe herangerast kam. Ein sehr lebendiges, bewegliches Transportschiff, das da zwischen Hersel und Mondorf pendelt. In Mondorf seltsamerweise kaum Vögel am Ufer, nur nasse und kahle Betonflächen. Wir überquerten den Platz, warfen noch mal einen Blick in die Runde, über das Wasser. Fühlten uns gut. Weil wir eben durch Natur gegangen waren, an den ehrwürdigen Bäumen vorbei, und weil wir den ehrwürdigen uralten Strom betrachtet hatten. Ununterbrochen seit tausenden von Jahren fließt sein Wasser durch das Tal, man bekommt eine Vorstellung von Ewigkeit, die Wellen schlugen hier ans Ufer, als es noch gar keine Menschen gab, bloß nur Fische, später dann ans Land kriechende Reptilien.

Solche Gedanken steigen bei Wanderungen am Rhein hoch. Hat was, denn man fühlt sich einerseits klein, andererseits groß, weil man alles um sich herum einordnen kann, zurückblicken kann, aber auch nach vorn, in die Zukunft. Eine Zukunft, die man gestalten muss, mit den richtigen Entscheidungen. Andernfalls wird der Rhein wohl immer noch durch diese Landschaft fließen, aber dann vielleicht etwas schmutziger als heute, vielleicht mit kräftigeren Wellen, von wilden Stürmen hochgepeitscht, aber ohne Menschen, die sich selbst ausgerottet haben, eben durch schlechte Luft und weil sie zum Beispiel kein brauchbares Trinkwasser mehr haben.

Überlegungen, die sich beim Wandern einstellen, die auch ihren Platz haben müssen, aber trotzdem nicht die Oberhand gewinnen sollten. Denn wir hatten bereits den Sonntagskuchen im Blick. Und Kaffeeduft in der Nase. Den Duft, der im Café Hünten gegenüber der Kirche aus der Tasse hochsteigt, der weithin bekannte Kuchen, der auf der Zunge zergeht, und man hört die freundlichen Worte des jungen Mädchens, das bedient, und das rheinisch gefärbte Gespräch der Alten am Nebentisch. Und man blättert in „Close“ oder „Gala“ oder auch „Stern“ und erfährt Aktuelles über die Hochglanz-Welt der Stars und der Figuren, die in Kultur und Politik und Sport das Sagen haben.

Vergangenheit und Zukunft spielen jetzt keine Rolle mehr, die Gegenwart zählt, diese eine Stunde Pause in Mondorf zählt, die Wärme, die im Raum ist, aber auch allmählich sich im Inneren ausbreitet, bei mir, bei Gilla, so, wie es meistens ist, wenn wir beide unterwegs sind, plaudernd oder schweigend die Wege wandernd, und dann eben auch im Café plaudernd oder schweigend unseren Gedanken nachhängen, oder eher uns verlieren, in uns gehen, dem Geheimnis der Seele, die man in solchen Sonntagnachmittagscaféstunden tatsächlich spürt, nahekommt.

Und wir brachen auf, zurück zur Fähre, hin zum Herseler Ufer. Blickten dann nach Westen, wo die Sonne schon niedrig stand, dann aber verschwand, denn eine schwarze drohende Wolke zeigte sich. Die Äste der Bäume über uns schwankten bedenklich – weshalb wir einige Meter den Weg zurückgingen, zurückeilten, denn wir hatten oben an der Haltestelle den Bus gesehen. Tatsächlich, der Fahrer hatte auf uns gewartet, fuhr gleich los, als wir einstiegen. Wir gondelten durch Graurheindorf und Tannenbusch Richtung Bonner City, zur Haltestelle der Linie 16, während harte Regentropfen, sogar mit Hagelkörnern vermischt, gegen die Busscheibe donnerten. „Glück gehabt“, sagte Gilla. Glück muss man haben, überlegten wir, aber man muss auch die Augen offenhalten, und dann schnell regieren. Und seltsamerweise, es war nichts Besonderes, stellten wir fest, dass wir auch in diesem Fall schnell reagiert, richtig regiert hatten. Im Grunde, so unsere Überzeugung, war das gar nicht anders möglich. Wenn man so eine Wanderung gemacht hat, mit der richtigen Einstellung, vielleicht sogar durch Aussagen von diesem Benediktinermönch Grün beeinflusst, und durch den Kaffee und den Kuchen und die Atmosphäre bei Hünten gestärkt, dann kann dem Wanderer im Grunde gar nichts Unangenehmes passieren.

Gilla hatte auf der Rückfahrt in der Bahn die Augen geschlossen, sie entspannte sich, und auch ich guckte ein wenig traumverloren, ebenfalls mich entspannend, auf die vorbeifliegende Landschaft. Und der Qualm von Wesseling und Godorf schien mir nun wie eine warme Decke zu sein, die uns sanft umhüllte. Die Fenster waren gottseidank geschlossen, von dem üblichen penetranten Chemie-Kohl-Geruch draußen blieben wir verschont.

© Bert Brune 2017.

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